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Was Susanne sagt



Die Fassaden der Häuser in Annaberg-Buchholz sind nicht überschminkt, die Auslagen in den Schaufenstern unprätentiös und ohne Neon arrangiert. Hier und da zeugt ein leeres Fenster davon, dass nah der tschechischen Grenze junge Menschen ihre Kinderzimmer verlassen und nicht wiederkommen. Ratskeller und Markt, Gras im Kopfsteinpflaster und Menschen mit Falten im Gesicht.

Salon Annaberg, der Lesungsort, stellt Bilder von G. Langer aus. Malerei zwischen Klimt und Schiele, denke ich, als ich Nacktheit, flirrende Linien, Sinnlichkeit, provokative Posen und bläulich, rosa schimmernde Farben sehe. Bankangestellte, sagt der Veranstalter. Der Maler hat für alle Bilder Modelle gehabt. Normale Frauen. Würde man gar nicht denken, wenn man die Bilder sieht. Aber wenn die sich beim Maler ausziehen, werfen die sich in krasse Posen und kommen richtig aus sich raus.

Ich sitze auf einer Ledercouch und lasse meinen Blick zwischen Marktplatz und Elektrokamin hin- und herwandern. Der Veranstalter sagt, heute ist Bierfest im Nachbarort und drüben ist eine andere Lesung. Sein Finger zeigt auf eine Fensterfront im Nachbarhaus. Da sitzen ein paar Leute auf Stühlen und lauschen einem älteren Herrn. Das sind wohl die, die nicht zum Bierfest gehen, denke ich. Ob die auch zwei Lesungen besuchen?

Kurz vor acht kommt eine Frau in den Salon. Fast stimmlos bestellt sie einen Weißwein und setzt sich an einen der großen Tische. Es ist acht Uhr. Das ist mein Gast, denke ich. Fünf nach acht fragt der Veranstalter, und? Ja, klar, sag ich. Legen wir los.

Nee, geht nicht, denke ich, während ich das hier schreibe. Das ist doch keine Geschichte. Das reicht nicht. Eine Geschichte braucht mehr. Unterhaltung. Pointen. Ein bisschen Skandal. Wenigstens ein bisschen profanes Provinzbashing. Ich hätte mir wenigstens ausdenken können, dass mehr Zuschauer da sind.

Ja, warum nicht. Ich könnte einfach schreiben, dass es zehn Leute sind. Und ich könnte schreiben, dass ein paar von ihnen sich kennen. Sie hatten schon ein paar Bier und begrüßen mich jovial. Vor diesem Publikum beginne ich zu lesen. Ich konzentriere mich auf den Text, komme gut durch, bin mit der Intonation zufrieden, mache eine kleine Pause hier, erhöhe das Tempo da. Gut, denke ich. Läuft. Dann höre ich ein leises aber schreckliches Geräusch. Ein gelangweiltes Seufzen. Augenblicklich verschluckte ich eine Wortendung und stolpere wie angetrunken durch den Satz. Konzentrier' dich! ermahne ich mich. Die Ruhe kommt zurück. Der Text fließt. Am Ende des Kapitels senke ich die Stimme und schaue nervös auf. Boah nee, frötzelt ich eine Frauenstimme von halblinks. Also ich will dir ja nicht zu nahe treten. Bist bestimmt ein ganz sensibler Autor und so, aber das dauert mir hier alles viel zu lange. Was macht der denn jetzt mit Wal? Mich interessiert nicht, wie der aufsteht und beim Bäcker ist und so. Komm mal zum Punkt! Die Dame trägt kurze Haare und ist mittleren Alters. Ich will etwas sagen, bin aber zu perplex. Mein Kopf ist lahmgelegt. Ich fühle mich verletzt, nackt und ausgeliefert. Dann sprudeln doch gereizte Worte aus meinem Mund. Sie können gern rausgehen, wenn sie sich langweilen. Das ist ok. Aber dass sie mich hier so unterbrechen ist einfach unhöflich. Die Dame plustert sich auf, sie lasse sich nicht den Mund verbieten. So weit kommt's noch! Seine Meinung wird man ja wohl sagen dürfen! Kann man, sage ich, aber da kommen dann auch Konsequenzen. Das Publikum wird unruhig. Tuscheln. Raunen. Der Veranstalter versucht zu intervenieren und schlägt eine Pause vor. Nein, sage ich. Ich denke, dass ich hier fertig bin. Ich packe die Blätter in die Mappe und gehe zur Bar. Ich bin wütend und verstört. Ich suche Schutz. Ein älterer Typ mit grauen langen Haaren aus dem Publikum kommt zu mir. Mach Dir mal keine Gedanken, Junge, sagt er. Der Text ist gar nicht schlecht. Da muss man eben durch. In den 80ern haben die sich noch vor der Bühne geprügelt, wenn der Text nicht so doll war. Ist schon richtig gesittet heute. Er hat eine ziemliche Fahne, aber irgendwie glaube ich ihm, auch wenn mich das nur wenig beruhigt.

Das könnte ich alles schreiben. Ich könnte auch schreiben, dass irgendwann mein Mut zurückkam und ich die Frau konfrontierte, eine Entschuldigung einforderte, sie bekam und die Dame später im Suff sogar noch ein Buch von mir kaufte.

Aber so war das eben alles nicht hier im Erzgebirge. Ich habe nur gelesen. Da war ein Gast, Susanne, und der Veranstalter. Es war still. Konzentriert. Susanne saß da mit ihrem Weißwein und hat zugehört. Nach einer dreiviertel Stunde war mein Mund trocken und ich fertig. Höflicher vierhändiger Applaus. Ich habe noch eine Weile mit Susanne geredet. Sie sagt, sie gönnt sich Lesungen. Immer, wenn es eine gibt, ist sie da. Das macht sie, seit sie in der Therapie ein paar Sachen über sich herausgefunden hat. Sie hat gelernt sich selbst nicht mehr so zu hassen. Und seit das geht, hat sie das Gefühl, andere Menschen nehmen sie ernst und wahr. Das fühlt sich gut an, sagt sie.

Später sitze ich im Hotel vor dem Fernseher, esse bestellte Pizza und schaue Russell Crowe dabei zu, wie er versucht, dem sinkenden Kreuzfahrtschiff Poseidon zu entkommen.

Das Leben läuft nicht ab wie die meisten Geschichten und das ist wundervoll, denn die Spannungsdramaturgie verschluckt oft die leisen, fast unsichtbaren Begegnungen, die die Alltäglichkeit des Lebens aufblühen lassen.

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