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Von ländlichen Lesungen und pragmatischen Busfahrern

Wenn ich mir NRW vorstelle, denke ich an eine nicht enden wollende Stadt, die sich über das ganze Bundesland erstreckt. Auf dem Weg zu einer Lesung musste ich feststellen, dass das nicht so ist.

In einem kleinen Örtchen an einer Bahnhofsbaustelle angekommen war mein erster Gedanke: eine Lesung, hier? Nee, kann nicht sein. Ich kontrolliere noch mal den Namen des Bahnhofs, vergleiche ihn Buchstabe für Buchstabe mit dem Ortsnamen vom Veranstalter und denke: doch, hier. Gut, dann jetzt schnell zur Location, kleiner Spaziergang, was essen, runterkommen und dann Text angucken. Googlemaps spuckt den Weg zur Location aus und ich denke wieder: Nee, kann nicht sein. Sieben Kilometer. Kein kleiner Spaziergang. Lieber Bus. Der soll auch gleich kommen. Toll. Läuft doch. Ich laufe, sehe schon die Haltestelle. Und dann auch den Bus, der durchfährt. Naja. Kommt vor. Es wird schon gleich der nächste kommen. Das ist ja NRW: eine nicht enden wollende Stadt, denke ich, und schaue auf den Fahrplan. Oh! Ach so. Doof. Bus nur einmal die Stunde. Ich schaue mich um. Am Horizont ein paar Kühe, ein paar Wohnhäuser, Baustellen, von denen das hohe Gras erzählt, dass hier schon eine Weile nicht mehr gebaut wird. Ich seufze, setze mich auf den zugesprayten Plastiksitze in der Haltestelle und bin glücklich darüber, noch ein Käsebrötchen in der Tupperbox zu haben. Gut zwanzig Minuten später kommt eine junge Frau an die Haltestelle. Die muss von hier sein, denke ich. Vielleicht kommt ja doch noch ein Bus, von dem ich nichts weiß. Hoffnung, Du frohes Gefühl! Aber Nee, ein schwarzer E-Golf hält und sie steigt ein. Kurz denke ich, Mensch, könnt ihr mich nicht mitnehmen? Aber ich belasse es beim Denken. So verzweifelt bin ich noch nicht. Die Sonne senkt sich langsam über das kleinstädtisch graue Landschaftsgemälde und ich fühle mich an meine Heimat Brandenburg erinnert: triste Idylle. Irgendwann, eine gute Stunde später, ich hatte schon überlegt, was passieren würde, wenn ich nicht rechtzeitig zur Lesung käme, wo immer die hier auch sein mag, kommt ein Bus die Straße entlang und setzt den Blinker. Das ist meiner, resümiere ich, als ich die Leuchtschrift über dem Fahrerhaus entziffere. Der Bus, der in der Haltestelle hält, sieht aus wie ein zu groß geratenes abgerocktes Taxi. Bis auf einen alten Fahrer mit kariertem Hemd und Baseballcap sitzt niemand drin. Ich steige ein und führe folgenden Dialog:

ICH: Hallo, einen Einzelfahrschein, bitte?

FAHRER: Wat?

ICH: Äh, einen Einzelfahrschein, bitte.

FAHRER: Wohin?

ICH: Mühlenstraße.

FAHRER: Ach, da lang (er zeigt in die einzig mögliche Richtung).

ICH: Äh, ja.

FAHRER: 2,80.

Ich halte ihm 20 Euro hin.

FAHRER: Nee.

ICH: Äh...Wie?

FAHRER: Ich kann Ihnen jetzt nicht mein janzes Kleinjeld jeben. Sie haben Kleinjeld.

ICH: Nee.

FAHRER: Doch.

Ich schaue ins Portemonnaie.

ICH: 80 Cent

FAHRER: Nee.

ICH: Doch.

FAHRER: Mensch Junge, dann geh doch durch und setz Dich hin.

Wir fuhren einige Kilometer mit dem schrammeligen Bus über Land. Ich schaute aus dem Fenster und zeitweise auf einen schwarzen Monitor, der irgendwann einmal Haltestellen angezeigt haben muss. Niemand stieg zu. Irgendwann erreichten wir einen winzigen Ort, in dem auch die Mühlenstraße lag. Ich bedankte mich beim Fahrer, verabschiedete mich und stieg aus. Dass hier eine Lesung stattfinden sollte, glaubte ich immer noch nicht. Aber der einzigartige pragmatische Dialog mit dem Busfahrer und die Erkenntnis, dass sich Brandenburg und NRW zumindest stellenweise ziemlich ähnlich sind, waren allemal die Reise wert!

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